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>> Des Widerspenstigen Zähmung
>> Sachbuch: “Das NacktAktivBuch” - Besprechung >> Buch-Besprechung: “Apollonias Welt”, von Simone Maresch >> Ihr Dachkammer-Literaten Traut euch! >> Friedhelm Kändler: Sadomaso in Sag und Sein |
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Dachkammer-Literaten: Raus auf die Straße!
Sie müssen nicht schreiben können wie Henry Miller oder gar wie Patrick Süßkind, um bei uns eine Rezension zu
erhalten. ... Aber schön wäre es doch ... <s> Denn die nächste Generation wird vielleicht schon wieder lesen können.
Wir rezensieren erotische, vor allem aber sinnliche Literatur - gegen Beleg-Exemplar. Aber ohne
Garantie auf freundliche Besprechung! Senden Sie Ihr veröffentlichtes Werk ein, wenn Sie Gewissheit über Ihre Fähigkeiten haben. Wir freuen uns, Ihnen zu helfen.
Und ja: Wir können auch mit Charles Bukowski prima
umgehen. |
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Des Widerspenstigen Zähmung! - Szenen (nicht nur) einer Ehe
Rüdiger Happ ist ein gewinnender Mensch. Das liegt an seinem kreativen Experimentierdrang.
Tollkühn ermittelte er im tschechischen “Other World Kingdom”, ob eine ausreichende Echtheit der dort regierenden Damen gegeben sei. Beherzt stellte er seine These über die wahren Beweggründe des Helmut Kohl zur Debatte. Und auf
der Webseite von Happs Marterpfahl-Verlag sind immer aufs Neue liebenswert verpackte Schweinereien der unterschiedlichsten Autoren zu finden.
Diesmal ist der Verleger - in auswegloser Situation? - höchstselbst ins Buch
geschlüpft: Jetzt wird geheiratet!
“Des Widerspenstigen Zähmung”, das sind zwölf Geschichten zur Themenkombination Hochzeit und Machtgefälle. Aufgelockert sind die Stories mit Fundstellen aus gut 25 Jahren
bundesrepublikanischem Schlag-mich-lieb-mich-mach-mich-alle.
Die Texte sind von unterschiedlichem Niveau. Wenn ein paar in ihrer Qualität abzufallen scheinen, so hängt es auch mit der Kombination der Geschichten
zusammen. Sie entstanden zu unterschiedlichen Zeitpunkten, unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Und sprechen eine unterschiedliche Klientel an. Manches Mal tritt neben das feine süffisante Partner-Spiel um Dominanz und
Submission das brachiale Element des Rohrstocks. Wenn die Dame von Adel dem Popo ihres bürgerlichen Gatten Scharfes gibt, dann wirkt es doch arg wie die neo-feudalen Allmachts-Phantasien diverser BDI-Präsidenten gegenüber dem
gemeinen Werktätigen: “Los! Arbeiten! Und zwar unter Schmerzen!” Gibt es sooo viele Spanking-Freunde?
Der Unterschied zwischen SM und D/s ist wie der zwischen Bier und Wein: Hier ehrlich, geradlinig, langweilig, schmerzhaft,
pragmatisch, lebensnah destruktiv. Dort verfeinert, psychologisierend, tändelnd, romantisch, ideell. SM-ler mögen D/s-ler als “Hirnficker” schmähen. D/s-ler mögen ihre “Verwandschaft” belästern als geil nach physischem Schmerz. Und
dennoch ist diese Verwandschaft da. Der Rohrstock macht sie in “Des Widerspenstigen Zähmung” allzu deutlich.
Gottlob steht der rotgestriemte Hintern bei D/s-lern nicht als Selbstzweck, sondern bloß zur anfänglichen Klärung
der Verhältnisse. Und die werden bei “Des Widerspenstigen Zähmung” bereits durchs Coverbild klar: Die Braut als Domina - der Mann als Beter, zu Füßen der Göttin.
Machen wir uns nichts vor. Das Patriarchat ist eine Illusion
dreier monotheistischer Religionskonstrukte. Evolutionsforscher weisen das weibliche Geschlecht als das traditionsreichere aus. Und durchaus als das brutalere. Verfeinerung findet diese Brutalität in der Zentralgeschichte, einer
short story mit dem Titel “Brainstorming”. Hier wird`s psychologisch anspruchsvoller und durchaus zynisch - im modernen Sinne des Wortes. Der katholisch geprägte und in der “BDSM-Szene” bereits bis zum Überdruss strapazierte
Schmerzens-Kitsch der SM-Szene tritt zugunsten gnadenloser Bosheit zurück. Wie empfahl schon Machiavelli: Die Fürstin sei eine geschickte Lügnerin und Betrügerin. Doch ist das wirklich als Kunstform noch nötig, wenn dem Leibeigenen
bereits frauliches Pheromon durch die Nase zieht?
Die ungekrönte literarische Königin des “Dominance & submission”, Esther Vilar, bescheinigte “dem Bräutigam an sich” bereits vor Jahrzehnten verminderte Schuldfähigkeit.
In “Heiraten ist unmoralisch” sezierte sie schließlich in gespielter medizinischer Sachlichkeit das staatlich subventionierte Romantik-Konstrukt namens Ehe.
Wir alle sind so geil darauf, uns zu unterwerfen. So herrlich
bequem, fürs Mädel wie für den Jung. Nur: Bitt schön zu unseren eigenen Regeln! In “Des Widerspenstigen Zähmung” wird dieses Missverständnis entzerrt: You pay, one way - or another. There is no free lunch. Wer mit der Weißen Braut
poppt, kommt durch die Schwarze Witwe um. - Ob der Verleger und Autor das rechtzeitig erkannt hat?
Verraten sei, dass er sich von seiner Braut “Anna” am gnadenlos hellen Tag per Hundehalsband durch die Stadt führen ließ. Auf
welche Reaktionen die beiden bei arabischer Muslima und deutschem Macho wohl stießen? Wurden sie wegen Missachtung der männlichen Würde verhaftet? Oder wegen Anmaßung der Frau gesteinigt? Lest es selbst!
Bebildert ist “Des
Widerspenstigen Zähmung” mit Fotos von Happs Freund Didi und mit Atelier-Aufnahmen des Szene-Fotografen Woschofius. Die 212 Seiten ehe-bürtiger Manneszähmung stecken im Paperback-Kostüm. Für 16,60 Euro lassen sich Männer vor dem
Fehler ihres Lebens warnen - und Frauen informieren, wie Er sich dennoch im Hochzeits-Netz verheddert.
Happ schließt dies Buch über ein todesmutiges Projekt mit verdunkelt romantischen “Nachtgedanken”:
“Im Internet
fand ich jüngst das Bild, das ein vor dem Altar knieendes Brautpaar von hinten zeigt. Auf den Schuhsohlen des Bräutigams waren deutlich die Worte HELP ME! zu lesen.”
Jeder männliche Besucher einer kirchlichen Hochzeit kann
diese Worte deutlich auf den Schuhsohlen jedweden Bräutigams erkennen. Eine Frage des ehrlich empfundenen Mitleids. Indesssen: Nutzen wird weder ein Barmen noch eine Erkenntnis: Minerva hat noch immer den Centauren gebändigt. -
Vorerst die gute Nachricht: Happ ist wohlauf. Domlupinas Mangel an Strenge.
PML - Pan meets Lilith - 9/2005
Happ/Didi/Woschofius: Des Widerspenstigen Zähmung Kurzgeschichten, 212 Seiten, 16,60 Euro
ISBN 3-936708-18-5
>> marterpfahl-verlag |
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Werden Frauen von Männern verprügelt, ist das ein Verbrechen an der weiblichen Menschenwürde. Würden Männer von Frauen verprügelt, wäre es ein Verbrechen
an der weiblichen Menschenwürde, sofern die Männer sexuelle Lust dabei empfänden. (frei nach Alice Schwarzer - Wir erlauben uns einen kleinen Spott.)
Buchbesprechung
“APOLLONIAS WELT“ von Simone Maresch
Wenn ein Mann einen SM-Porno schreibt, schreibt er einen SM-Porno. Wenn ein Mann ein gesellschaftsanalytisches Sachbuch schreibt, dann kauft sein Leser ein gesellschaftsanalytisches Sachbuch. Und wenn ein Mann einen
Liebesroman schreibt, so darf sich die Käuferin sicher sein, garantiert eine Schmonzette mit ins Bett zu nehmen. Simone Maresch hat mit „Apollonias Welt“ einen Dreiklang aus allen vorgenannten Genres gewagt. Ob ihr das deshalb
gelang, weil sie eine Frau ist?
Femdom-City ist eine unterirdische Parallelwelt zu unserer realen. Das christlich tradierte Rollenklischee der Geschlechter ist in dieser Stadt nicht nur auf den Kopf gestellt. Die Umkehrung
ist obendrein ins Extrem getrieben. Eine Feudalgesellschaft. Mit Frauen auf dem Herrscherthron. Mit leibeigenen und rechtlosen Männern, geklemmten Schwänzen, gepeinigten Hoden. – Wir kennen das seit einigen Jahren aus Tschechien.
Da gibt es das Other World Kingdom (OWK), Königreich einer anderen Welt. Jungs, die „ganz groß werden“, wenn sie von Frauen „ganz klein gemacht“ werden, geben hier ein nettes Sümmchen aus. Nur, um sich die Hoden polieren zu lassen?
Getreten zu werden kann teuer sein!
Der Traum von der Frauenherrschaft ist freilich älter. Richtig „in“ war er - in Weiberkreisen - Mitte der 1980-er Jahre. Da schien die deutsche Welt noch heil. So heil, dass sich
dogmatische Kampf-Emanzen von ökonomischer Sorge befreit genug fanden, sich in der Hölle eines männlichen Ausbeutungssystems zu wähnen. Damals duftete die Welt junger Studentinnen nach Loulou und Joop-weiß. „Faschistoid“ war eines
der häufigst gebrauchten Mode- und Totschlag-Wörter. Öko-Feministinnen, Marke „Landfrau im Norweger-Pulli“, strickten, antroposophisch verklärt, gegen das internationale Kapital. Kampf-Emanzen fanden im „Mann an sich“ die Ursache
des amerikanischen Imperialismus und Kriegstreibertums. Jedwede politische Lesbe trug Kurzhaarschnitt mit Henna-Tönung. Und die wirklich gefährlichen unter den Frauen räkelten sich in hautengen lila Stretchleggins, um mit prall
aufs Fahrrad geschwungenen Hinterbacken die Jungs in ein biologisch legitimiertes, hormonelles Irresein zu führen. „Schwanz ab! Schwanz ab!“ skandierten die Adeptinnen Alice Schwarzers in geschlossenen Kampf- und
Verschwörungs-Zirkeln.
In Femdom-City hat „frau“ das Ziel erreicht. Diese Frauen haben nicht nur erkannt, sondern auch perfide benutzt, was uns Jungs theoretisch zu freien und himmelstürmenden Helden macht - und praktisch zu
gebeugten Sklaven: unser Geschlechtstrieb.
Der erste Teil von „Apollonias Welt“? Eine schiere Erektionsorgie für „submissiv veranlagte Männer“. Für solche Jungs, deren Seele angerührt ist von den Selbstbewussten, den
Unverschämten und den Dreisten unter den Frauen.
In den 80-ern war es ein kämpferischer weiblicher Intellekt. Der sich zum politisch-korrekten Dogma verhärtete. Und im neuen Jahrtausend? Zumindest bis zum Ausbruch der
Wirtschaftskrise dominierte die kecke und freche Lebensart der „Girlies“. Denen mangelte es leider an Intellekt. Indes: Die Mütter-Generation, ebenso wie ihre Töchter, pflegten einen Dominanzanspruch gegenüber dem Mann. Mutter- wie
Tochtergeneration – beide Gruppen finden sich wieder in „Apollonias Welt“. Die um Lust und Luxus kämpfenden Frauen. Die Lust und Luxus erntenden Frauen.
So weit. So sachlich. So spannend. So heiß am Schwanz, so kalt am Herz.
- Runde zwei - und wer hätte es gedacht! Nach den Penissen, die nur deshalb eregieren, weil es ihnen verboten wird, kommen - zwischen solch schwergewichtigen und pathetischen Gefühlen wie Scham, Schande, Arroganz, Dominanz, Ehre,
Entehrung, Spott, Verachtung – subversiv die Zwischentöne der Seele ins Spiel. Ein Lächeln, ein Angerührtsein, ein Bedürfnis zu streicheln und gestreichelt zu werden. Ein Innehalten. Ein Hinterfragen, ein Relativieren der eigenen
Denk- und Handlungsmuster.
Der Autorin Simone Maresch gelingt es souverän, das zum Zeitgeist gewachsene Thema Femdom (Female Dominance / weibliche Herrschaft) aus dem peinlich-koketten, häufig auch kitschromantischen Sumpf
der „BDSM-Subkultur“ zu hieven. Im Inhaltlichen spielerisch, aufgeilend, brüskierend und entsetzend, wahrt Mareschs Schreibe in Sachen Handwerk unauffällig die Disziplin einer guten Erzählerin. Das findet längst jenseits erotischer
Spezialzirkel Achtung und Interesse.
In „Apollonias Welt“ zeigen sich, gewollt oder unbewusst, Anklänge an Huxleys „Brave new world“, sogar an Herbert George Wells „time machine“: Schöne, stinkende Schlachtschafe – und
boshaft duftende Herrenmenschen. Maresch geht das Thema „Macht“ gleichzeitig mit pornografischer Geilheit und intellektueller Warmherzigkeit an. Sie verzichtet recht konsequent auf die sattsam bekannten und unsäglich öden
„Technik-Anleitungen“ dominant-submissiver oder gar sado-masochistischer Romanversuche. Gut so, denn das hat in einem erzählenden Text nichts verloren. Rüdiger Happs Marterpfahl-Verlag scheint sich eine erfolgversprechende Autorin
an Land gezogen zu haben. Apollonias Welt kann ich an eine breite Leserschaft empfehlen: an Frauen wie Männer, an BDSM-ler wie an „Vanillas“. Bitte weiter so, Frau Maresch!
PML, 15/10/2004
WEBLINK:
>> Marterpfahl-Verlag >> Webseite Simone Maresch: zur Zeit nicht bekannt
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Friedhelm Kändler: Sadomaso in Sag und Sein?
“Lässt sich ja auch schöner flirten - wenn die Antwort sich geniert ...”
Nie hörte ich jemanden so leise laut
spotten. Man könnte ihn einen Kabarettisten nennen. Denn ab und zu geht er “heimlich” selbst auf die Bühne. Oder einfach einen Dichter. Wenn er vom gehobenen Wortklang zum derben wechselt, wird er vom feinsinngen “Poeten” zum
volksnahen “Arscheten”. Vordergründig scheint er ein Dada-Künstler. In Wahrheit fragt er aber nach dem Wowo. - Anarchist? Nicht nur in Sachen Grammatik und Doppelsinn. Denn wie sonst lassen sich Äußerungen verstehen wie “Das
Volk heißt Volk, weil es folgt.” Erst, wenn sich der Zuhörer von seiner säuselnd vertrauenerweckenden Stimme hat einlullen lassen, kommt kurze Zeit später das böse Erwachen.
Kleinkünstler - nein: Großkünstler! - Friedhelm
Kändler ist von boshafter Bescheidenheit. Ein Tiger des Worts, in der Lautstärke einer Hauskatze. Bedächtig schleicht er sich heran. Doch deutlich und scharf setzt er jedes Wort.
Wenn ihr endlich wissen wollt, was die
Hintertür der Sprache ist, dann hört euch den Mann an. Er ist ein Genius. Seine Worte sind so zielscharf gefeilt, dass selbst Gustave Flaubert dagegen ganz alt aussäh. (Ich übertreibe nicht. Denn wenn ich enttäuscht bin, pfleg ich
zu schweigen).
Und was der Kerl mit Sado-Maso zu tun hat? Hört euch doch mal die Kommentare auf seiner Webseite an: Rubrik Film & Ton, Video:
“Das Leben ist Eso.”
LVLC / RML, 8/2004
WEBLINK:
Vom garstgen Gott und leuchtend Lenden “Wilder Honig ... Probieren Se`s aus!”
>> Friedhelm Kändler
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„Das NacktAktivBuch“ von Anita und Wolfgang Gramer
Nacktheit. Symbol für Unschuld und Wahrhaftigkeit. Verletzlichkeit und Verzweiflung. Für Anfang
und Ende. Für Würde und Verantwortung. Mut und Durchsetzungsstärke. Für Sinnlichkeit, Geilheit, Lebensfreude. Wenn das kein gesellschaftlicher Nenner ist!
„Ein, zwei, frei! Das NacktAktivBuch“. So lautet der Titel einer
neuen Buchreihe aus dem Berliner mYm-Verlag. Die Autoren Anita und Wolfgang Gramer beschreiben die jüngste Wiedergeburt der FKK-Kultur in einem unbehaglich globalisierten Deutschland: Es muss seine Gründe haben, wenn nackt wieder
„im Kommen“ ist!
Die leidigen gesellschaftspolitischen Hintergründe stellen die Autoren jedoch bewusst zurück. Und focusieren auf den Menschen. In Layout und Bildmaterial: Anleihen an die Aura der 20-er Jahre. Ein wenig ist
auch von der Zeit zu spüren, als sich die schrillere Hippie- in die stillere Ökobewegung wandelte. Da reitet eine nackte Frau auf mächtig imposantem Kaltblüter, einen Hund zur Seite, durch den frühlingsfrischen Wald der Eifel.
Szenerie aus der morbid-charmigen Unverstelltheit brandenburgischer Provinz: ein rüstiger Senior auf dem Rad, Trecking-Tour mit Tochter. Nacktes Alter. Nackte Jugend. Von wegen Generationenkrieg! Und eine hübsche Erinnerung: Die
„Streakerin“ Sheila Nicholls entledigt sich 1989 in einem Stadion ihrer Kleider und springt, glückselig lächelnd, über das Spielfeld eines mit 25.000 Zuschauern besetzten Kricket-Platzes: Hürdensprung, Handstand, Purzelbaum. – Eine
Dame läuft, unter lauter Angezogenen, ganz selbstverständlich nackt durch die Fußgängerzone der Stadt, erledigt ihre Bankgeschäfte, geht einkaufen. Eine Deutsch-Australierin durchquert das Outback auf der anderen Halbkugel der Erde
ebenso nackt wie den Aldi in Deutschland. Nicht fehlen darf ein nackter Mann, der durch seine Fernsehauftritte zu einer Berühmtheit avancierte: der „Nacktläufer von Freiburg“, Dr. Peter Niehenke. - Weiter beobachten wir eine
Nackerte bei der sommerlichen Pflege der Balkonpflanzen, einen Nackt-Aktiven beim Verputzen seines Hauses, einen Nackten beim Wintersport, im sonnenbeschienenen Schnee und vor der Kulisse eines umvölkerten Ski-Lifts.
Nackt
auf Inline-Skatern, nackt auf dem Naturlehrpfad, eine pudelnackte Wandergruppe von über 30 Leuten, ausgerechnet in der als konservativ verschrienen Eifel, munter singend durch die Natur: Alle Altersgruppen, Jungs und Mädchen,
Mütter, Väter, Jugendliche. Angetan hat`s mir schließlich das Foto einer jungen Dame auf dem Fahrrad: sportlicher Akt vor blühenden Sonnenblumen. Da kommt Espit, Charme, Lebenslust, Sinnlichkeit rüber!
Aber steht dahinter
nicht ein fataler Trend zu neuer Innerlichkeit? Zum Rückzug ins unpolitische Privatleben? Kommt da ein Biedermeier in Paradiesversion auf? Werden da die Segel gestrichen vor Hartz IV, Globalisierung, Massenarbeitslosigkeit? Job
futsch. Geld futsch. Wohnung futsch. Nackt. Und um so sinniger!
Im Jahr 2005 hinterfragen Anita und Wolfgang Gramer das selbstverständlich Scheinende - ums Neue: Warum müssen wir Kleider tragen? Die Autoren stellen fest:
Weibliche Nacktheit wird in der Öffentlichkeit toleriert – mit Einschränkung. Die nackte Dame soll jung und schön sein. Bei männlicher Nacktheit spielen Jugend und Schönheit keine Rolle: Fühlt sich auch nur ein einziger
„Angezogener“ durch den Anblick des nackten Mannes belästigt, rücken Polizei oder Ordnungsamt an, drohen empfindliche Bußgelder und Verweise. – Noch immer? – Oder: schon wieder? Die Welle altertümlicher Moralität schwappt von den
USA nach Deutschland. Und provoziert Gegenreaktionen.
Wer die Ablehnungs-Gründe gegenüber öffentlicher Nacktheit hartnäckig hinterfragt, erhält als Antwort zunächst Bedenken religiöser Art. Nie ist es die eigene Religion,
die Einwände hätte. Immer sind es die gemutmaßten Einwände der anderen. Werden religiöse Bedenken als scheinmoralisch entkräftet, kommen ersatzweise ästhetische Einwände zum Einsatz. Jedenfalls sei die „öffentliche Ordnung“
gefährdet. – Durch Nackte? Gibt es die sogenannten Flitzer, international „Streaker“, wirklich? Oder sind sie eine Medien-Interpretation? Ein entkleideter Mann, der durchs bevölkerte Fußballstadion rennt … instrumentalisiert er die
Medien? Eine nackte Frau, die ebenso handelt … führt sie sich selbst vor – oder spottet sie über das Funktionsprinzip der Massenmedien? Hat jemals eine ältere Dame nachts im Park einen Exhibitionisten gesehen? Einen, der aus dem
bekannten Cartoon sprang, seinen Mantel spreizte und - um Erschrecken, Erstaunen und Bewunderung buhlend - ein mehr oder minder prächtiges Exemplar von Penis präsentierte? Werden 70-jährige katholische Wald-Spaziergängerinnen
tatsächlich von nackten Joggern belästigt? Oder reduzieren sich solcherlei Gefahren auf unterschwellige Wunschvorstellungen? - Sind Nackte eigentlich automatisch schwul? Oder – hier wird es dramatisch: Sind Nackte gar eine
spezielle Sorte von Kinderschändern?
Anita und Wolfgang Gramers Buch ist wichtig für unsere Zeit. Denn das Sachbuch macht bewusst, welchen Unsinn wir uns in den letzten Jahren (wieder) ins Hirn haben pflanzen lassen: die
Verdrehung des Begriffs der menschlichen Scham. Die Pervertierung des Begriffs der menschlichen Würde. – Ihre Würde sehen Anhänger der Nacktkultur vor allem gefährdet, wenn Frauen suggeriert wird, sie müssten ihre Vulva
höchstbietend vermarkten. Und Kindern suggeriert wird, Nacktheit und Sexualität seien etwas Anrüchiges. Lässt sich die Zeit bis ins deutsche Kaiserreich zurückdrehen? Gibt es eine geschützte, asexuelle, von allen
Erwachsenen-Einflüssen freie Kindheit? Haben wir ein Recht dazu, die Paranoia unserer Erwachsenenwelt auf die nachwachsenden Generationen zu übertragen? Und: Was könnte würdiger sein als ein nackter Mensch? Was könnte würdiger sein
als ein Mensch, der nicht monetär bewertet wird? Einer, der – egal ob Frau oder Mann, ob Kind, Jugendlicher, Erwachsener oder Greis, die Extreme und die Dogmen ablehnt?
Anita und Wolfgang Gramer können eine erstaunliche
Anzahl an Vorkämpfern für die nackte Sache recherchieren und vorstellen. Sie sind einer Bewegung auf der Spur, die, so scheint`s, international gezündet hat: In Spanien seit der Regierungsablösung des Konservativen Aznar. In
Italien als Affront gegen Berlusconi. In den USA als Gegenbewegung zur religiösen Rechten des Präsidenten Bush. In Australien als groß angelegtes Happening sportlicher Körperfreude. In Großbritannien als Spott gegen den
Thatcherismus Tony Blairs. In Deutschland als Affront gegen die CDU-Politik einer SPD-Regierung. Da wächst ein internationaler Gedanke selbstbewussten Menschseins - aus der Beharrlichkeit von Einzelkämpfern, die gestern noch als
„Spinner“ verspottet wurden.
Die eigene körperliche Nacktheit setzt Selbstsicherheit voraus. Es ist kein Wunder, dass Dickköpfe, Freiheitsdurstige und Intellektuelle als Trendsetter am Anfang der nackten Sache stehen. Viele
der hellsten Köpfe unserer europäischen Geschichte waren mit Inbrunst nackt. Anita und Wolfgang Gramer zitieren etliche dieser Geistesgrößen der Vergangenheit. Ob es – mit Verspätung – gelingt, die Erkenntnisse der Avantgarde zum
Allgemeingut des Volkes zu machen? Der Berliner mym-Verlag macht mit dem NacktAktivBuch einen großen neuen Schritt in diese Richtung. Und spannt mit einem Zitat die Brücke zu seinem spirituell-ernsthaften Autor. Anker Larsen: “Es
gehört Mut dazu, nicht anderes anzuhaben, als was wir selbst sind.”
Nach Lektüre dieses Sachbuchs werden die Ghetto-Nackten der FKK-Vereine vielleicht mutig aus ihren Umzäunungen brechen, die bislang verschüchterten Frauen
es ihren blanken Männern gleichtun. Die Senioren werden sich nicht mehr ihres Alters schämen. Und die Jungen nicht mehr ihre Haut vermarkten. Und alle werden hemmungslos über den verklemmten Spanner lachen, der noch immer
(bekleidet!) in seinem Gebüsch am Baggersee hockt.
LVLC, RML, 03/2005
Anita und Wolfgang Gramer: Das NacktAktivBuch Wolfgang Gramer mYm-Verlag Berlin ISBN 3-937502-04-1 Erstauflage 2005
WEBLINKS:
www.nacktiv.de www.mym-buch.de
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